EMDR Methode
Eye Movement Desensitization and Reprocessing
Was ist EMDR
Schnelle und wirksame Psychotherapiemethode zur Behandlung von Traumata - PTBS und Depression oder Alkoholsucht.
EMDR wurde zur Behandlung traumatisierter Menschen entwickelt. Diese Therapiemethode erweist sich aber auch bei anderen Störungsbildern, die durch belastende Erlebnisse mit verursacht wurden, als wirksam.
Als Therapieform, die Traumafolgestörungen am schnellsten und wirksamsten heilt, gilt derzeit die EMDR. Eine Therapie mit EMDR benötigt nachweislich 40 Prozent weniger Behandlungsstunden als andere bewährte Verfahren.
EMDR - Die vier Buchstaben stehen für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was auf Deutsch Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung bedeutet. Das englische Wort reprocessing heißt Wiederaufarbeitung.
Dr. Francine Shapiro (USA) entwickelte diese Psychotherapieform zur Behandlung von Traumafolgestörungen Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Mit der EMDR-Methode können Traumafolgestörungen behandelt werden. In Deutschland wird EMDR in der Traumatherapie etwa seit 1991 angewendet. 2006 hat der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie EMDR als wissenschaftlich begründete Psychotherapiemethode anerkannt. Seit 2015 wird EMDR als Psychotherapiemethode von der gesetzlichen Krankenversicherung bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) bezahlt.
Die Wirksamkeit von EMDR ist durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Die Forschungsergebnisse zeigen: Nach der Behandlung einer einfachen posttraumatischen Belastungsstörung mit EMDR fühlen sich 80 Prozent der Patientinnen und Patienten deutlich entlastet – und das bereits nach wenigen Sitzungen.
"Normale" nicht belastende Erlebnisse werden vom Gehirn in verarbeiteter Form im Gedächtnis abgespeichert. Ein traumatisches Erlebnis ist für den Betroffenen so überwältigend, dass er es nicht so schnell und geordnet verarbeiten kann wie andere Erlebnisse. Die Erinnerungen an das traumatische Geschehen werden deshalb in einer Art Rohform abgespeichert. Diese Erinnerungen bestehen vor allem aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen und Gefühlen. Geordnete Gedanken finden sich nur wenige darin. Außerdem wurden sie nicht vom Gehirn inhaltlich und zeitlich in ein Netzwerk von anderen Erinnerungen eingeordnet.
Ein zentrales Element der EMDR-Behandlung ist die Nachverarbeitung der belastenden Erinnerung unter Nutzung bilateraler Stimulation: Die Patientin bzw. der Patient folgt den Fingern der Therapeutin mit den Augen, während diese ihre Hand abwechselnd nach rechts und links bewegt. Diese Stimulation unterstützt das Gehirn, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die belastenden Erinnerungen zu verarbeiten. Diese geleiteten Augenbewegungen entsprechen genau den Augenbewegungen im REM-Schlaf, also der Phase, in der der Schlafende seine Augen ruckartig bewegt. In der REM-Schlafphase werden die Geschehnisse des Tages verarbeitet. Durch die rasche Augenbewegung werden beide Gehirnhälften intensiv stimuliert (bilaterale Stimulation). Blockierte oder nicht integrierte Erinnerungen an das Trauma werden so nachträglich verarbeitet. Damit lassen sie sich auch später noch in die Gesamterinnerungen einbetten und in die Lebenswirklichkeit einordnen.
Wirkung von EMDR
Francine Shapiro, eine US-amerikanische Psychologin, machte bei sich selbst eine wichtige Erfahrung: Als sie sehr belastet war, entdeckte sie während eines Spaziergangs in der Natur, dass gezielte Augenbewegungen ihre Ängste und depressiven Gedanken milderten. Ihr wurde kurz davor die Diagnose Krebs mitgeteilt. Diese Erfahrung beeindruckte Shapiro so, dass sie diese gezielten Augenbewegungen im therapeutischen Ablauf einführte. Die Klienten sprachen über ihre traumatischen Erlebnisse, während sie mit den Augen den schnellen gezielten Bewegungen des Zeigefingers der Therapeutin folgten.
Shapiro beobachtete wiederholt, dass dieses Vorgehen wirksam war und entwickelte daraufhin im Zeitraum zwischen 1987 und 1991 EMDR als Methode zur Behandlung von Traumafolgestörungen. Sie ergänzte die geführten Augenbewegungen durch andere Stimulationsweisen wie Handberührungen oder akustische Reize und auch durch Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie.
Die EMDR gestaltete sie schließlich gezielt als Expositionstherapie (Konfrontationstherapie), bei der ein Patient das traumatische Geschehen in Gedanken noch einmal wachruft. Die Expositionstherapie ist ein Behandlungsansatz (Intervention) aus der Verhaltenstherapie. Dabei wird der Patient bewusst eine gewisse Zeit und meist mit Unterstützung des Therapeuten dem ausgesetzt, wovor er sich fürchtet.
Traumatische Erinnerungen werden neu verarbeitet
Die Erinnerungen an das traumatische Geschehen werden in einer Art Rohform abgespeichert, da das Gehirn diese Erinnerungsfragmente inhaltlich und zeitlich nicht in ein Netzwerk von anderen Erinnerungen einordnen konnte. Diese Erinnerungsfragmente setzen sich deshalb vor allem aus Sinneseindrücken, Körperempfindungen und Gefühlen zusammen. Darüber hinaus werden traumatisch verarbeitete Erfahrungen im Grunde im Gehirn so abgelegt, dass sie jederzeit unmittelbar abrufbar sind, sobald eine Situation auch nur ansatzweise an die einmal erlebte Katastrophe erinnert.
Jemand, der einmal auf der Straße überfallen wurde, kann sich etwa durch Schritte hinter sich, sofort in die schreckliche Situation zurückversetzt fühlen und flüchten. Eine solche unbewusste Reaktion kann auch passieren, wenn seit dem Überfall Jahre vergangenen sind und er sich in einer sicheren Gegend aufhält.
Daran setzt die EMDR an: Die für die EMDR spezifische Stimulation unterstützt den Prozess, dass die alten Informationen, die das Trauma ausgelöst haben, neu verarbeitet werden. Darauf aufbauend können Fehlanpassungen wie Vermeidungsverhalten oder Überkompensation, die der Patient aufgrund des Traumas entwickelt hat, überwunden werden. Die belastenden Erinnerungen verlieren ihren sich unkontrollierbar aufdrängenden und emotionsgeladenen (intrusiven) Charakter. Diese Intrusionen klingen mit zunehmender Behandlungsdauer ab. An ihre Stelle treten erträgliche Erinnerungen an das Ereignis.
Erinnerungen an das Trauma können endlich in das eigene Leben integriert werden
Laut Francine Shapiro kann das Trauma durch die Stimulation schneller verarbeitet und besser in die übrigen Erinnerungen integriert werden, weil beide Gehirnhälften intensiv stimuliert und miteinander vernetzt werden. So können blockierte oder nicht integrierte Erinnerungen an das Trauma verarbeitet werden.
Viele wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen das: EMDR benötigt nachweislich 40 Prozent weniger Behandlungsstunden als andere bewährte Verfahren.
Während die günstige Wirkungsweise von EMDR wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, wurde bis jetzt der eigentliche Wirkmechanismus noch nicht definitiv geklärt. Die spezifischen Augenbewegungen scheinen für den Erfolg keine große Rolle spielen, denn neben horizontalen sind auch vertikale Augenbewegungen und vor allem auch andere Formen der Stimulation wirksam.
Wahrscheinlich weil die Wirkung schneller eintritt, ist die Rate der Therapieabbrecher bei EMDR geringer. So sprechen beispielsweise die Symptome der Intrusionen und der Erregung besser auf EMDR an.
Die EMDR-Behandlung läuft sehr strukturiert in 8 Phasen ab
Damit überhaupt eine Behandlung mit EMDR stattfinden kann, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Der Therapeut sollte unbedingt auch psychotherapeutisch in dem Störungsbild ausgebildet und erfahren sein, in dem er EMDR anwenden möchte. Der Klient selbst muss dazu bereit sein, dass die Therapie das Trauma aufdecken kann. Etwaige schwere körperliche Krankheiten müssen ausreichend behandelt werden, auch Begleiterkrankungen, die in einem Zusammenhang mit dem Trauma stehen, zum Beispiel eine Depression oder Angststörung. Außerdem sollte unbedingt sichergestellt sein, dass der Klient vor einem Täterkontakt geschützt ist, sollte das Trauma beispielsweise aufgrund eines Gewaltverbrechens entstanden sein.
Erinnerungen verlieren emotionsgeladenen Charakter
Zu Beginn der Behandlung werden das Trauma des Klienten und die mit ihm verbundenen Symptome genau analysiert. Der Klient vergegenwärtigt sich das traumatische Erlebnis in Gedanken und Gefühlen und erlebt auf diese Weise das belastende Ereignis noch einmal. Gleichzeitig folgt er mit den Augen den Handbewegungen des Therapeuten oder wird auf andere Weise bilateral stimuliert. Mittlerweile gibt es sogar Geräte, die den Zeigefinger des Therapeuten durch ein buntes bewegtes LED-Lichtband ersetzen. Durch die zweiseitige abwechselnde Stimulation, kann der Klient seine Erinnerungen an das traumatische Erlebnis, die im Gehirn bis dahin noch nicht wirklich verarbeitet worden sind, beschleunigt reprozessieren, also neu oder wiederverarbeiten.
Die Erinnerung verliert ihren für ein Trauma typischen intrusiven und emotionsgeladenen Charakter. Eine Intrusion ist ein meist durch einen Schlüsselreiz immer wieder quälend sich aufdrängendes Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, ohne dass der Betroffene das steuern könnte.
Phase 1: Vorgeschichte und Behandlungsplanung
Zunächst wird die Vorgeschichte erhoben. Nachdem der Therapeut Kontraindikationen ausgeschlossen hat — eine Kontraindikation ist ein Gesichtspunkt oder eine Tatsache, die gegen eine bestimmte Therapie spricht —, stellt er gemeinsam mit dem Patienten einen Behandlungsplan auf. Darin ist die Wiederbearbeitung, also das Reprozessieren (reprocessing) traumatischer Erinnerung oder anderer Symptome, die mit dem Trauma in Verbindung stehen, wesentlicher Bestandteil.
Phase 2: Vorbereitung des Patienten
Der Patient wird über den Behandlungsplan und die Methode aufgeklärt. Um den Klienten zu stabilisieren, wendet der Therapeut gegebenenfalls vorher Entspannungs- oder imaginative Verfahren an. Je nach Bedarf werden ihm auch Medikamente von einem Arzt verabreicht.
Phase 3: Bewertung der Erinnerung
In dieser Phase geht es darum, die besonders belastenden Erinnerungen durch Sinnesreize, Gemütserregungen und auch kognitiv schrittweise so anzusprechen, dass der Klient sie in das gesamte traumatische Geschehen integrieren kann. Das bedeutet, dass der Klient einen vollständigeren Zugang zu seiner Erinnerung bekommt und sie auch gedanklich in sein Gesamterleben einordnen lernt.
Phase 4: Durcharbeitung
In dieser Phase verarbeitet der Klient seine Traumaerinnerungen neu, er reprozessiert sie. Dazu erinnert er sich an bestimmte markante Bilder, an sinnliche Eindrücke und negative Gedankenmuster, die im Zusammenhang mit dem schrecklichen Ereignis stehen. Während sich der Klient auf seine Erinnerungen fokussiert, wird er gleichzeitig vom Therapeuten durch Sinnesreize angeregt. Der Patient erlebt bereits durch die schnelle assoziative Folge wechselnder sinnlicher Eindrücke, Affekte und Gedanken eine stufenweise Entlastung — auch wenn zwischenzeitlich intensivere Affekte anklingen können. Diese Art der Nachverarbeitung ist von großem Vorteil. Der Druck durch die Erinnerungen, die durch die EMDR-Therapie wieder aktiviert werden, bleibt dadurch psychisch verkraftbar. Der Therapeut sollte selbst psychisch stabil sein und flexibel reagieren können, um den Patienten und seinen individuellen Verarbeitungsprozess ausreichend unterstützen zu können.
Nachdem die Belastung durch die Erinnerung in Phase 4 ausreichend abgenommen hat, wird die in Phase 3 erarbeitete oder eine durch den Verarbeitungsprozess verbesserte positive Kognition in Erinnerung gerufen und überprüft. Mit Kognition sind in diesem Zusammenhang alle Gedanken, Einstellungen oder Meinungen gemeint, die mit dem traumatischen Erlebnis zu tun haben. Beispielsweise wäre eine negative Kognition: „Ich werde nie mehr vertrauen können“, eine positive dagegen: „Das Erlebte ist vorbei.“ Denn traumatische Erinnerungen hinterlassen meist auch Spuren auf der kognitiven Ebene in Form von belastenden Überzeugungen, die immer wieder mit der Erinnerung zusammen auftauchen. Um kognitiv emotionale Endlosschleifen beenden zu können, hat Francine Shapiro deshalb Elemente aus der kognitiven Verhaltenstherapie eingewebt.
Negative Empfindungen werden durch eine schnelle bilaterale Stimulation abgeschwächt, während positive Kognitionen durch eine langsame bilaterale Stimulation verstärkt werden.
Phase 6: Körper-Test
Im anschließenden Körper-Test sucht man nach eventuell andauernden sinnlich wahrnehmbaren Erinnerungsfragmenten. Beim Körpertest spricht der Klient seine positive Selbstüberzeugung aus und wandert währenddessen mit seiner Aufmerksamkeit langsam von oben nach unten durch seinen Körper und schildert dem Therapeuten dabei die dabei auftretenden Körperempfindungen. Sollten noch belastende Körpererinnerungen bestehen, werden sie erneut bearbeitet.
Abschließend wird besprochen, welche Wirkung diese Erfahrung auf den Patienten hatte. Der Therapeut vereinbart mit dem Klienten Interventionsregeln für die Zeit zwischen den Sitzungen. Das ist wichtig, weil der in der EMDR-Sitzung angestoßene Prozess auch nach der Sitzung in abgeschwächter Form, zum Beispiel in Träumen oder Gefühlen, weiterlaufen kann.
Phase 8: Nachbefragung
Diese letzte Phase findet am Beginn der nächsten Stunde statt. Ausgelöst von der vorherigen EMDR-Sitzung erlebt der Patient zwischen den Sitzungen meist Erinnerungssplitter oder Träume, die zu Beginn der nächsten Sitzung erneut bearbeitet werden, bevor der Therapeut einen Schritt weitergeht.
Schon nach der ersten erfolgreichen EMDR-Sitzung erleben die meisten Patienten eine deutlich entlastende Veränderung der Erinnerung, auch die damit verbundene körperliche Erregung klingt ab und negative Gedanken und Emotionen können neu und positiver umformuliert werden.
Auch wenn EMDR in der Regel schneller wirkt als andere Formen der Traumatherapie, ist diese Methode kein Wundermittel und man kann nicht von vornherein festlegen, wie viele Sitzungen nötig sind.
„Die EMDR-Therapie zeigt auch im Online-Setting eine gute Wirksamkeit. Studien belegen, dass internetbasierte EMDR-Behandlungen zu signifikanten Verbesserungen psychischer Symptome führen können, insbesondere bei Traumafolgestörungen. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Effektivität mit der Präsenztherapie vergleichbar sein kann, wobei sowohl Patient:innen als auch Therapeut:innen die Online-Durchführung überwiegend als sicher und wirksam bewerten. Allerdings wird weiterhin mehr randomisierte Forschung benötigt, um die Gleichwertigkeit eindeutig zu bestätigen.“ (EMDR International Association)
Indikation
Die Anwendung von EMDR ist angezeigt bei:
- Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)
- Angst- und Panikstörungen
- Depressionen
- chronischen Schmerzen
- Folgen von Bindungstraumatisierungen
- Entwicklungs- und Verhaltensstörungen von Kindern
- psychophysischen Erschöpfungssyndromen
- Auswirkungen belastender Lebenserfahrungen
- starker Trauer nach Verlusterlebnissen
- stoffgebundener Abhängigkeit, vor allem im Zusammenhang mit einer Traumafolgestörung
Neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass EMDR auch in der Behandlung von Depressionen, Phantomschmerzen und der Senkung der Rückfallneigung bei Alkoholkranken wirksam ist.
Wie bei jeder anderen Form von Psychotherapie kann es in einer EMDR-Behandlung zu einem zeitweiligen Anstieg der Belastungen kommen:
- Belastende und bislang nicht verarbeitete Erinnerungen können auftauchen.
- Einige Klienten können während einer Sitzung intensive Emotionen oder körperliche Empfindungen im Zusammenhang mit dem bearbeiteten Erlebnis wahrnehmen.
- Nachprozessieren: In den Stunden nach einer EMDR-Behandlung kann das Gehirn mit der Bearbeitung der belastenden Erlebnisse fortfahren. Das kann sich in neu auftauchenden Träumen, Erinnerungen oder Gefühlen ausdrücken und den Klienten unter Umständen belasten, weshalb er unbedingt auf diese Möglichkeit vorbereitet werden sollte.
Nicht bei Psychosen oder hirnorganischen Störungen
EMDR darf auf keinen Fall angewendet werden bei:
- akuten Psychosen
- schweren hirnorganischen Störungen, zum Beispiel Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma
- unkontrollierbaren Epilepsien oder anderen somatischen Erkrankungen – in diesen Fällen sollte gemeinsam mit einem Arzt geprüft werden, ob eine Behandlung mittels EMDR möglich ist.
- Einfluss von Drogen oder Alkohol
- demenzielle Störungen oder andere höhergradige kognitive Beeinträchtigungen